14. Dezember

Wenn Hinschauen Mut bedeutet

Manchmal sind es nicht die großen Krisen, die uns an unsere Grenzen bringen – sondern die stillen Momente dazwischen. Ein Kind, das weint. Ein Schrei, der tiefer geht als gedacht.
Ein Gefühl, das man nicht mehr loswird. Eine Mitarbeiterin erzählte mir von einem Jungen,
gerade anderthalb Jahre alt. Die ersten Tage liefen ruhig: Er aß gut, schlief gut, lächelte.
Dann, plötzlich, änderte sich alles. Er begann zu schreien. Nicht dieses alltägliche Quengeln,
sondern ein Schreien, das bis ins Mark ging. Verzweifelt, panisch, untröstlich. „Lass mich nicht allein“ – das war die Botschaft, ohne dass er sie sagen konnte. Die Kollegin war am Limit. Wer ihn tröstete, wurde selbst hilflos. „Du kannst das Schreien irgendwann nicht mehr hören“, sagte sie. Dann kam der Mittagsschlaf. Die Mitarbeiterin wollte ihn ins Bett bringen. Ein Gitterbett, ihre Hand in seiner kleinen Hand. Sie flüsterte: „Ich bin hier, du kannst meine Hand halten.“ Doch als sie ihn hinlegte, begann er erneut zu schreien. Laut, schrill, mit Panik in der Stimme. Sie blieb ruhig, versuchte alles – bis sie merkte, dass sie innerlich explodieren könnte. Ein einziger Moment der Ehrlichkeit. Sie ging raus, bat eine Kollegin, zu übernehmen. Später sprach sie darüber in der Supervision. Nicht, weil sie „versagt“ hatte, sondern weil sie verstehen wollte, was das mit ihr gemacht hatte. Was in ihr angestoßen wurde. Warum dieser Moment so viel ausgelöst hat. Und sie hat geweint. Rotz und Wasser, wie sie selbst sagte. Vor allem, als die Frage kam: „Was hast du in dem Moment gefühlt?“. Aber genau da begann Veränderung. Das Zulassen. Das Erkennen. Das Aushalten. Seit diesem Tag kann sie den Jungen wieder in den Schlaf begleiten. Ruhig. Sicher. Weil sie ihre eigenen Grenzen verstanden hat. Weil sie sie nicht versteckt, sondern angeschaut hat. Supervision ist kein Luxus. Sie ist Schutz – für Kinder und für uns. Ein Ort, an dem wir ehrlich sein dürfen. Weil nur, wer hinschaut, auch wirklich halten kann.