17. Dezember

Samuel

Manche Kinder begleiten uns nur eine kurze Zeit – und trotzdem bleiben sie für immer im Herzen. Eine Mitarbeiterin erzählte mir von einem dieser Kinder: Ein kleiner Junge, etwa zwei Jahre alt.
Sein Name: Samuel – zumindest nennen wir ihn hier so. Es war einer dieser Anrufe, die alles schnell machen. Plötzlich war er da – verängstigt, überfordert, mit großen Augen. Er verstand kein Wort Deutsch. Bis zu diesem Moment hatte er nur eine andere Sprache um sich gehört. Die ersten Tage waren schwer. Er weinte viel, suchte Blickkontakt, zog sich wieder zurück, war müde vom Nicht-Verstehen. „Er war so klein“, erzählte sie, „und gleichzeitig so voller Angst.“ Doch mit jedem Tag heilte etwas in ihm. Langsam, leise, unaufgeregt. Er begann, Vertrauen zu fassen. Zuerst ein kleines Lächeln.
Dann ein Wort. Dann ein Lachen, das den ganzen Raum füllte. „Ich werde nie vergessen“, sagte sie,
„wie er eines Tages plötzlich aufhörte zu weinen, seinen Kopf auf meine Schulter legte und einfach nur blieb. Ganz ruhig. Ganz sicher.“ Das war der Moment, in dem aus Angst Vertrauen wurde. Wochen später war Samuel ein anderer Junge. Er spielte, lachte, lernte, sprach erste deutsche Wörter. Manchmal war er so stolz, dass er sie immer wiederholte – nur um zu hören, wie sie klingen. Ein paar Monate später wechselte die Mitarbeiterin in einen anderen Bereich. Als sie die Inobhutnahme irgendwann wieder besuchte, lief er ihr entgegen. Strahlend. Rufend. Und mit einem Satz, den sie nie vergessen wird: „Ich darf ausziehen, ich darf wieder zu Mama!“. Es war der erste vollständige deutsche Satz, den sie von ihm gehört hatte. Sie musste schlucken, aber sie lächelte. Denn in diesem Moment wusste sie: Alles, was wir tun – es bewirkt etwas. Manchmal klein. Manchmal lautlos. Aber immer echt. „Auch heute denke ich noch oft an ihn“, sagte sie. „Ich hoffe, es geht ihm gut – dort, wo er jetzt ist.“