18. Dezember
Grenzen und Zusammenhalt
Manche Kinder bringen Bewegung in eine ganze Gruppe. Sie fordern heraus, halten uns auf Trab – und zeigen uns gleichzeitig, wie wichtig Teamarbeit wirklich ist. Simon war so ein Kind. Fünf Jahre alt, klein für sein Alter, mit wachen Augen und einer großen Geschichte im Gepäck. Er kam zu uns, nachdem er von Gewalt zu Hause berichtet hatte. In den ersten Tagen war er ruhig, fast unauffällig – doch bald zeigte sich, wie tief seine Verletzungen saßen. Kleine Auslöser reichten, um ihn völlig aus der Fassung zu bringen. Er schrie, schlug, warf Spielzeug, manchmal aus purer Verzweiflung. Oft begleiteten wir ihn dann eins zu eins, damit er – und auch die anderen Kinder – sicher waren. Eine Kollegin erzählte mir eine Szene, die sie nie vergessen wird. Simon hatte sich beim Anziehen eine Socke falsch herum übergestreift. Kleinigkeiten, die bei anderen Kindern kein Thema sind, brachten ihn völlig durcheinander. Er warf alles, was in Reichweite war; weinte, schrie, kämpfte gegen sich selbst. Die Kollegin nahm ihn mit in einen ruhigeren Raum, blieb bei ihm, hielt die Anspannung aus. Irgendwann setzte er sich auf ihren Schoß, sein Körper wurde weicher, die Atmung ruhiger. Und dann, plötzlich, spannte er sich wieder an, schlug ihr ins Gesicht und sah sie direkt an. „Wenn ich groß bin, töte ich dich“, sagte er leise. Ein Satz, der wehtut, aber nichts mit Hass zu tun hatte. Es war Verzweiflung, Angst, ein Test: Bleibst du trotzdem da? Die Kollegin blieb ruhig, sprach klar, aber sanft mit ihm. Er blieb auf ihrem Schoß sitzen, bis eine Kollegin sie ablöste. Solche Situationen sind schwer. Sie lassen niemanden unberührt. Aber sie zeigen, was Beziehung bedeutet: da sein – auch dann, wenn es weh tut. Simon blieb nur kurze Zeit bei uns. Bald war klar, dass er in einem anderen Betreuungsrahmen besser aufgehoben sein würde. Ein Ort mit mehr Struktur, mehr Möglichkeiten, mehr Ruhe. Wir haben ihn begleitet, so gut wir konnten. Und wir hoffen, dass er an seinem neuen Ort finden darf, was jedes Kind braucht: Sicherheit. Zuwendung. Geduld. Manche Kinder fordern uns heraus – und genau dadurch wachsen wir. Gemeinsam. Als Team. Für sie.
